Seit Wochen erleben wir eine neue Welle an Debatten über internationale Missbrauchsnetzwerke, über Machtzirkel, über Männer, die glaubten, unantastbar zu sein Namen gehen viral, und die Empörung ist groß. Aber die Empörung allein schützt kein einziges Kind.
Fälle wie der um Jeffrey Epstein werfen ein Scheinwerferlicht auf das personifizierte Böse. Sie bieten Raum für viel Interpretation, sie bieten Raum für viel Meinung, und sie bieten Raum für ganz viele Schlagzeilen.
Es wirkt surreal, als wäre es in weiter Ferne. Aber all das, was da stattgefunden hat – Machtmissbrauch, Vergewaltigung, Gewalt an Kindern und Menschenhandel –, findet auch jeden Tag hier in Deutschland statt.
An jedem Tag, an dem uns die Nachrichten zu Jeffrey Epstein in die Feeds gespielt werden und wir sie in den Nachrichten sehen, werden auch hier in dieser Gesellschaft Frauen und Kinder sexuell ausgebeutet und missbraucht. Macht wird ausgenutzt.
Ich verstehe, dass es interessant ist, sich mit den großen Namen rund um Epstein und dem Netzwerk, das dahintersteht, zu beschäftigen, und ich weiß, dass es von immenser Bedeutung ist, dass wir uns auch hier in Deutschland und in Europa ganz genau jede einzelne Verstrickung anschauen und aufklären und vor allem rechtlich Schritte verfolgen.
Und dennoch: Ich möchte darum bitten – und ich warne davor, das nicht zu tun –, dass wir in dieser Debatte nicht diejenigen aus dem Blick verlieren, für die wir in dieser Gesellschaft Verantwortung haben: für die Kinder, für die Frauen, für alle, die hierzulande in dieser Gesellschaft Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind und denen wir viel zu wenig zuhören.
Wie so oft fängt es – wie bei vielen anderen Fragen auch – mit der Sprache an: Du bist so reif für dein Alter. Diesen Satz hören ganz viele junge Frauen in ihrer Kindheit und Jugend, wenn es darum geht, ihnen viel zu früh Verantwortung zu geben. Aber sie hören ihn auch von erwachsenen Männern, die ihn dafür nutzen, die Sexualisierung junger Mädchen zu rechtfertigen: Sie war erst 16, aber sie war reif für ihr Alter.
Wie oft gab es diesen Gedanken in bestimmten Männergruppen, und wie oft haben wir sie in manchen Gruppen sogar ausgesprochen gehört? Ich will nicht sagen, dass solche Sätze der Nährboden sind für Missbrauchsnetzwerke wie das um Jeffrey Epstein; dennoch sind es Minderjährige, die hier sexualisiert werden, und das darf in dieser Gesellschaft nicht normal sein.
Statistisch sind in Deutschland ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexualisierter Gewalt betroffen. Es sind 6 Millionen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit oder Jugend von sexualisierter Gewalt betroffen waren – 6 Millionen Biografien, wo Vertrauen zerstört wurde, 6 Millionen Geschichten, die nicht mit der Tat enden, sondern mit jahrelangem Schweigen, mit Scham und oft mit fehlender Unterstützung.
Wenn diese Überlebenden den Mut haben, auszusprechen, was sie erlebt haben, und von ihren Geschichten zu erzählen, dann müssen wir ihnen zuhören
Der Vorschlag dieser Menschen, wie man reagieren soll, ist sehr deutlich: Sie fordern, dass man sie zu Anhörungen in Kommissionen einlädt und anhört, nicht nur, weil es einen symbolischen Wert hat, sondern weil sie Expertinnen und Experten sind. Sie brauchen eine niedrigschwellige Unterstützung – diese verdienen sie zu Recht –, damit sie unbürokratisch Therapien und notwendige Hilfen erhalten.
Und sie verdienen es, dass wir die Schutzkonzepte verbessern. Die Kinder- und Jugendhilfe muss entsprechend ausgebaut werden, und es braucht Räume, die gewaltfrei sind.
Dass das gelingt, ist nicht die Aufgabe der Betroffenen und auch nicht die Aufgabe der Engagierten. Es ist die Aufgabe von Politik und jedem Einzelnen von uns hier im Haus. Am Dienstag gab es die Demo „Justice for Survivors“ vor dem Kanzleramt. Betroffene und Überlebende sexualisierter Gewalt haben sich versammelt und demonstriert. Doch statt ihnen den Raum zu lassen, den sie verdient haben, wurde diese Demonstration wieder von Verschwörungsgläubigen instrumentalisiert. Zum wiederholten Mal hat man danach in den Medien nicht die Geschichten der Betroffenen gehört, sondern vor allem von einem verschwörungsgläubigen Sänger, der damit Aufmerksamkeit erregen wollte. Ich möchte deshalb am Ende meiner Rede eine Über[1]lebende zu Wort kommen lassen, die mir erlaubt hat, sie zu zitieren und ihr den Raum zu geben, den sie und die Geschichten verdient haben.
Sie sagt:
Wir haben längst aufgehört, euch um Lösungen zu bitten. Wir wollen nur, dass ihr hinschaut. Einen Moment länger, als mir der Atem stehen bleibt. Einen Moment mehr Ruhe, bevor die Stille verstummt, und einen Blick länger, als wir unsere halten können. Das ist der Grund, warum ich dich bitte, mit mir hier zu stehen.