Wie beeinflussen Armut und soziale Lebensbedingungen die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen? Und wo muss Prävention ansetzen, um gerade diejenigen zu erreichen, die sie am dringendsten brauchen?
Über diese Fragen haben wir gemeinsam bei unserer Konferenz Prävention für die seelische Gesundheit von jungen Menschen mit drei Expert*innen diskutiert:
- Prof. Dr. Raimund Geene, Alice Salomon Hochschule Berlin
- Cordula Heckmann, Rütli in Berlin-Neukölln, Fachbeirats Inklusion (Berliner Senatsverwaltung)
- Annika Maretzki, Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W)
Armut und seelische Gesundheit sind eng miteinander verbunden
Im UNICEF-Bericht 2026 belegt Deutschland beim kindlichen Wohlbefinden Platz 25 von 37 Ländern, bei der mentalen Gesundheit Platz 21. Gleichzeitig leben 15 Prozent der Kinder in Deutschland in Einkommensarmut.
Diese Befunde zeigen: Der wirtschaftliche Wohlstand einer Nation allein garantiert kein gutes Aufwachsen. Armut bedeutet nicht nur materielle Einschränkungen, sondern wirkt sich auf die gesamten Lebensbedingungen aus. Auch das psychische Wohlbefinden ist sozial ungleich verteilt.
Armut darf deshalb nicht individualisiert werden. Wenn Kinder unter gesellschaftlich verursachten Belastungen leiden, reicht es nicht aus, ihnen mehr Resilienz beizubringen. Auch die belastenden Lebensbedingungen müssen verändert werden.
Zentrale Erkenntnisse aus der Diskussion
1. Prävention muss diejenigen erreichen, die sie am dringendsten brauchen
Je größer die Belastung und damit der Präventionsbedarf, desto geringer ist häufig die Inanspruchnahme klassischer Angebote.
Ein Präventionssystem, das vor allem diejenigen erreicht, die ohnehin über Ressourcen verfügen, kann soziale Ungleichheit sogar verstärken. Deshalb gilt: Nicht die Familien müssen besser zu den Angeboten passen, sondern die Angebote zu den Familien.
Wichtige Bausteine sind Dritte Orte, etwa Jugendfreizeiteinrichtigungen. Damit sie armutsbetroffene junge Menschen in der Breite erreichen, müssen die Angebote niedrigschwellig zugänglich sein und auf die besonderen Bedürfnisse zugeschnitten sein.
Besonders belastete Gruppen wie wohnungslose Kinder und Jugendliche brauchen zudem aufsuchende und spezialisierte Angebote wie Streetwork. Auch der digitale Raum kann einen wertvollen Beitrag leisten.
2. Prävention muss bei den tatsächlichen Lebensbedingungen ansetzen – und die ganze Familie in den Blick nehmen
„Eltern in der Krise bedeuten häufig auch Kinder in der Krise.“ Die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist eng mit den Lebensbedingungen ihrer Familien verbunden.
Armut macht Kinder häufig unsichtbar. Aus Scham ziehen sie sich zurück, müssen auf Klassenfahrten verzichten oder kommen ohne Frühstück in die Schule. Dieser soziale Ausschluss macht krank. Die Folgen von Wohnungslosigkeit können die Belastungen zusätzlich verschärfen: Notunterkünfte ohne Privatsphäre und die Entwurzelung aus dem gewohnten Umfeld schränken die Lebens- und Zukunftschancen ein.
3. Schule muss vom Ort der Wissensvermittlung zum Ort verlässlicher Beziehungen weiterentwickelt werden
Schule hat ein enormes Potenzial für Prävention und Gesundheitsförderung – doch das System bremst dieses Potenzial bislang aus.
Das Bildungssystem ist ein zentraler Ankerpunkt, weil es grundsätzlich alle Kinder erreichen kann. Entscheidend ist jedoch, dass Schule nicht nur ein Ort ist, an dem Wissen vermittelt oder psychische Belastungen möglichst früh erkannt werden.
Schule muss vielmehr ein Ort sein, an dem Kinder gesehen, ihre Bedürfnisse erkannt und ihre Fähigkeiten gefördert werden – ganz nach dem Leitbild des Campus Rütli: „Kein Jugendlicher geht verloren.“
Dafür braucht es insbesondere multiprofessionelle Teams, Ausbau des Ganztagsangebots und ausreichende Ressourcen.
Die Diskussion machte deutlich: Prävention muss bei den Grundbedürfnissen ansetzen – Wohnen, Sicherheit und Teilhabe. Denn erst wenn elementare Bedürfnisse gesichert sind, können weiterführende Präventionsangebote greifen.