Kein Kulturpass, dafür Wehrdienst - Jugendliche und junge Menschen haben in den letzten Jahren das Gefühl, bei vielen politischen Entscheidungen zu kurz zu kommen - und das zu Recht!
Häufig werden politische Entscheidungen getroffen, die die jüngsten Generationen am stärksten treffen. So wird der Wehrdienst wieder eingeführt, über ein Social Media Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert und der Kulturpass direkt nach der Einführung wieder gestrichen. Aber es wird kaum mit denjenigen darüber gesprochen, die das am meisten trifft. Das wollten wir in der grünen Bundestagsfraktion unbedingt anders machen. Denn wir wollen zuhören, nicht einfach nur zumuten.
In der letzten Woche habe ich zwei Workshops mit verschiedenen jungen Menschen unter dem Motto "Rede!" gehalten. "Rede!" ist Teil der Jugendbeteiligungsstrategie unserer Grünen Bundestagfraktion. Die Strategie ist darauf ausgerichtet Jugendliche und junge Menschen aktiv am politischen Diskurs zu beteiligen und mit ihnen, nicht über sie zu sprechen. Ziel der Workshops in den Wahlkreisen ist es, mit Jugendlichen zu verschiedenen politischen Themen ins Gespräch zu kommen und zuzuhören, was sie bewegt, Wünsche und Sorgen aufzunehmen und diese anschließend mit nach Berlin zu nehmen.
Weitere Informationen zum Workshopkonzept und der Fraktionsstrategie gibt es auch auf der Homepage der Grünen Bundestagsfraktion: https://www.gruene-bundestag.de/unsere-politik/jugendbeteiligung/
Die beiden "Rede!"-Workshops habe ich mit Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Schüler*innen aus meiner Heimat, Rheinland-Pfalz durchgeführt. Dabei durfte ich mit dem Jugendstadtrat aus Speyer und einer Schulklasse aus Mainz sprechen. Die Teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben sich für die Themen "Demokratie und Teilhabe", "Bezahlbares Leben & Faire Chancen" sowie "Sicherheit und Verteidigung" entschieden.
Dabei wurde gerade nach den letzten Landtagswahlen deutlich, dass es bei den jungen Menschen große Sorgen um die Zukunft der Demokratie in Deutschland gibt. Der Aufschwung von Populisten, Ausgrenzung von Minderheiten und die Sorge vor Extremismus wurden dabei von den Teilnehmenden genannt. Gleichzeitig wünschten sich die meisten mehr Toleranz, politischen Zusammenhalt und unbedingt mehr Beteiligung von Jugendlichen, wie beispielsweise durch das Senken des Wahlalters auf 16 Jahren bei allen Wahlen.
Zudem machen Wirtschaftskrise, Inflation und das immer teurer werden von Lebensmitteln, Kino-Besuchen oder anderen Freizeitaktivitäten den jungen Menschen Sorge. Insbesondere die Frage, wie ein Leben außerhalb des Elternhauses für ein Studium realistisch finanziert werden soll, wenn das BAFöG gerade mal für die Kaltmiete reicht, beschäftigte die Teilnehmenden. Teilweise fragten sie sich sogar, ob sich ein Studium überhaupt noch lohnt. Der Fortschritt durch KI und das Rentensystem, von dem die junge Generation überzeugt ist, dass sie davon nicht mehr profitieren werden, sind jedenfalls keine guten Anreize mehr, in die eigene Bildung zu investieren.
Außenpolitisch war insbesondere die Wehrpflicht ein großes Thema der Jugendlichen. Sowohl die Frage, ob es die Wehrpflicht überhaupt braucht, bis hin zur Frage, wer davon betroffen sein sollte, wurde viel diskutiert. Gleichzeitig wurde von Einigen der Wunsch zur Einführung eines verpflichtenden Zivildiensts, sowie zur besseren Ausstattung des Militärs geäußert.
Ich finde es beeindruckend, wie klar und reflektiert die jungen Erwachsenen über Gesetze sprechen, die ihr Leben komplett verändern könnten. Das Spannungsfeld zwischen Ängsten vor der Zukunft, aber dem großen Willen und der Bereitschaft etwas zu ändern und Deutschland zu einem besseren Land zu machen, macht mich nachdenklich.
Ich freue mich total, dass die Teilnehmenden so offen über Ihre Sorgen und Wünsche gesprochen haben. Es hat sich absolut gelohnt, ganz gezielt zu den jungen Erwachsenen hinzugehen, nachzufragen und zuzuhören.
In einem nächsten Schritt werden wir die Ergebnisse aller Workshops in Berlin auswerten und weiter besprechen.